Gerberstraße Straßenschild Lockwitz 2025

Christian Gerber – ein Lockwitzer Pfarrer und sein Vermächtnis

Wer heute durch Lockwitz geht, begegnet dem Namen Gerber kaum noch – allenfalls in Form eines Straßennamens. Doch Christian Gerber, der mehr als 40 Jahre als Pfarrer in Lockwitz wirkte, verdient weit mehr Aufmerksamkeit. Denn seine Ideen und Gedanken wirken bis heute nach. Zudem ist die Straße nicht ihm, sondern einem anderen Gerber gewidmet. Der Heimatverein startet eine Spendenaktion für sein Grabmal.

Christian Gerber war Pfarrer, Lehrer, Schriftsteller, Chronist, Seelsorger und zeitweise sogar Apotheker. Vor allem aber war er ein Mensch, der seine Aufgabe ernst nahm: den Glauben nicht nur zu predigen, sondern im Alltag wirksam werden zu lassen.

Herkunft und Ausbildung

Christian Gerber wurde am Karfreitag, dem 27. März 1660, geboren. Sein Vater, Pfarrer in Görnitz bei Borna, sah seine Geburt nach mehreren Fehlgeburten als göttliches Zeichen an und stellte früh die Weichen für eine theologische Ausbildung seines Sohnes. Auch seine Mutter stammte aus einer Pfarrerfamilie.

Seine schulische Laufbahn begann in Borna. Anschließend besuchte er das Gymnasium in Zeitz und studierte später in Jena, Leipzig und Wittenberg, wo er den Grad eines Magisters erlangte. Schon früh zeigte sich seine Neigung zur Gelehrsamkeit – allerdings nie losgelöst von der Praxis. Wissen sollte dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Der Weg nach Lockwitz

Nach ersten beruflichen Stationen, unter anderem als Privatlehrer in Dresden und als Pfarrer in Rothschönberg bei Meißen, erhielt Gerber 1690 den Ruf nach Lockwitz. Dort war zu jener Zeit Gotthelf Friedrich von Schönberg, Kammerherr sowie Hof- und Justizrat des sächsischen Königs, Rittergutsbesitzer. Gerber nahm den Ruf an – eine Entscheidung, die sein weiteres Leben prägen sollte.

In Lockwitz blieb er 41 Jahre lang, bis zu seinem Tod am 25. Mai 1731. Er war nicht nur einer der am längsten amtierenden Pfarrer des Ortes, sondern auch der bekannteste Lockwitzer seiner Zeit.

Christian Gerber – ein Universalgelehrter

Christian Gerber war kein Pfarrer, der sich auf die Kanzel beschränkte. Sein Interessenfeld war ungewöhnlich breit: Theologie, Philosophie, Dichtung, Naturbeobachtung, Pädagogik und Seelsorge gehörten ebenso dazu wie ganz praktische Fragen des Alltags.

Er schrieb zahlreiche Bücher, darunter erbauliche Schriften und Sammlungen von Sprichwörtern, die große Verbreitung fanden. Schon früh erlangte er damit Aufmerksamkeit – auch außerhalb Sachsens. Seine Texte zielten darauf ab, christliche Werte verständlich und lebensnah zu vermitteln.

Bereits als junger Pfarrer war er in Dresden dem damaligen Oberhofprediger Philipp Jacob Spener aufgefallen. Mit ihm verband ihn später eine längere Korrespondenz. Ausdruck dessen war sein erstes Werk „Die unerkannten Sünden der Welt“, das 1690 in Dresden erschien und viel Beachtung fand. Für Gerber stand dabei nicht die fromme Rede im Mittelpunkt, sondern das Handeln. Christliche Lebensführung, so seine Überzeugung, müsse sich an Taten messen lassen, nicht an Worten.

Christian Gerber Lockwitzer Pfarrer 1736
Christian Gerber, Lockwitzer Pfarrer um 1730

Lehrer, Seelsorger – und Apotheker

Schon kurz nach seinem Amtsantritt bemerkte Gerber, dass viele Gemeindemitglieder seine Predigten oder auch den Sinn der Kirchenlieder nicht verstanden. Deshalb führte er eine Bibelstunde vor dem eigentlichen Gottesdienst ein, in der er Gottes Wort mit einfachen Worten erläuterte. Selbst adlige Familien nahmen daran teil.

Seelsorge verstand Gerber jedoch noch umfassender. In einer Zeit, in der es auf dem Land kaum Ärzte gab, sah er sich gezwungen, auch medizinische Verantwortung zu übernehmen. Er richtete eine kleine Hausapotheke ein und stellte Arzneien her, unter anderem ein erfolgreiches Mittel gegen Gelbsucht. Für ihn war dies kein Widerspruch zum Pfarramt, sondern dessen Erweiterung: Wer für die Seelen der Menschen zuständig ist, dürfe ihre körperliche Not nicht ignorieren. Seelsorge war für Gerber immer auch praktische Hilfe.

Vermächtnis: die feierliche Konfirmation

Gerbers größte und bis heute nachwirkende Errungenschaft ist die Wiedereinführung der feierlichen Konfirmation in Sachsen und weit darüber hinaus. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war diese Tradition weitgehend in Vergessenheit geraten. Gerber sah im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen jedoch einen entscheidenden Lebensabschnitt, der auch vor Gott würdig begangen werden sollte.

Der sehr konservativen sächsischen Kirche war diese „Reform“ zunächst ein Dorn im Auge, und Gerber wurde vor das Dresdner Oberkonsistorium zitiert. Dank seiner Redegewandtheit gelang es ihm jedoch, die Vorteile einer christlichen Feier des Erwachsenwerdens überzeugend darzulegen. Dabei wies er darauf hin, dass selbst hochgestellte adlige Herrschaften während dieser Feiern ihre Tränen nicht zurückhalten konnten – ein Zeichen tiefer innerer Berührung durch Gott.

Schließlich wurde die feierliche Konfirmation in Sachsen und später deutschlandweit wieder eingeführt. Auch die spätere weltliche Jugendweihe greift Elemente von Gerbers Konzept einer fundierten Bildung und eines feierlichen Übergangs ins Erwachsenenleben auf.

Natur und Glaube

Zu Gerbers nachhaltigem Vermächtnis zählt auch sein Blick auf die Natur. In seinen Schriften finden sich frühe Beschreibungen der Sächsischen Schweiz, lange bevor diese Region als Reiseziel bekannt wurde. Für Gerber war die Natur kein bloßes Gegenüber, sondern Teil der göttlichen Schöpfung. Wandern, Beobachten und Beschreiben waren für ihn zugleich Frömmigkeit und Erkenntnis.

Bemerkenswert ist zudem, dass Gerber zu den ersten Autoren gehörte, die Tierschutzgedanken formulierten. In den „Unerkannten Sünden der Welt“ vertritt er die Auffassung, dass Tiere Angst und Schmerzen empfinden und auch eine Furcht vor dem Tod haben. Grausamkeiten gegen Tiere brandmarkt er daher als Sünde – lange bevor 1822 in England die erste Gerichtsverhandlung wegen Tierquälerei stattfand, die heute als Beginn der Tierschutzbewegung gilt.

Christian Gerber war kein Heiliger und kein Gelehrter im Elfenbeinturm. Er war ein Mensch seiner Zeit – mit klaren Überzeugungen, praktischer Vernunft und einem tiefen Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Gemeinde Lockwitz.

Christian Gerbers Denkmal retten

Dass man sich in Lockwitz fast 300 Jahre nach seinem Tod noch an ihn erinnert, ist kein Zufall. Sein Wirken reicht tatsächlich bis heute. Die Lockwitzer Gerberstraße würdigt allerdings seinen Sohn Christian Gottlob Gerber (1686–1764), der als Nachfolger seines Vaters als Pfarrer und als Heimatforscher Bedeutung erlangte.

Um Christian Gerber selbst wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, planen der Heimatverein Lockwitz e. V. und das Kirchspiel Dresden Süd, das fast vergessene und stark beschädigte Denkmal auf dem Lockwitzer Friedhof zu restaurieren und mit einer Informationstafel zu ergänzen, die auch die heute nicht mehr lesbaren Inschriften dokumentiert. Das Denkmal wurde vermutlich bereits 1741 errichtet. Es erinnert an einen Pfarrer, der hier nicht nur predigte, sondern Lockwitz mit seinem Lebenswerk prägte – und als Teil einer lebendigen Ortsgeschichte wieder sichtbar werden soll.

Um diesen Teil der Lockwitzer Ortsgeschichte zu bewahren, bittet der gemeinnützige Heimatverein Lockwitz e. V. um Spenden auf folgendes Konto:

IBAN: DE42 8505 0300 0221 0742 79
BIC: OSDDDE81XXX

Wir danken für Ihre Unterstützung!

Dieser Beitrag ist in längerer Fassung ebenfalls im aktuellen Südhang Nr. 1-2026 erschienen.

Bilder: Archiv Heimatverein Lockwitz, Matthias Daberstiel

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