Stolpersteine Familie Meyer DresdenStolpersteine Familie Meyer Dresden

Die ersten Stolpersteine werden in Lockwitz verlegt

Am Anfang war eine Frage: wieso gibt es außer dem Stolperstein für Aaron Meinhardt keine weiteren Stolpersteine in Lockwitz und Nickern. Nach kurzer Recherche war klar. Weil sich bisher niemand um dieses Thema kümmerte. Jetzt werden, auf Initiative des Heimatvereins Lockwitz, am 7. Mai die ersten Stolpersteine in Lockwitz verlegt.

Stolpersteine werden für Menschen verlegt, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Ob wegen Religion, Herkunft, sexueller Orientierung, Krankheit, politischer Gegenerschaft, die Verfolgungsgründe waren vielfältig. Unerheblich ist auch ob die Person ums Leben kam.

Der Künstler Gunter Demnig kam vor über 30 Jahren auf die Idee, diesen Menschen eine Erinnerung zu geben, indem vor den Häusern ihrer letzten frei gewählten Wohnung einen Stein mit Messingplatte verlegt. Darin ist der Name und das Schicksal der Person eingraviert. Will man den Stein lesen, muss man sich leicht bücken, was einer Verbeugung vor diesen Menschen und ihrem Leben gleichkommt.

Stolpersteine: größtes dezentrales Mahnmal der Welt

Mitlerweile sind in Dresden 423 Steine verlegt. Weltweit liegen 116.000 Stolpersteine in über 1860 Kommunen in 31 europäischen Ländern verlegt. Die meisten davon in Deutschland. Das Kunst-Denkmal ist somit das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Als der Heimatverein Lockwitz gefragt wurde, wieso in Lockwitz und auch im ganzen Stadtbezirk Prohlis bisher nur drei Stolpersteine verlegt wurde, wußte auch er erstmal keine Antwort. Stolpersteine werden meist auf die Initiative von Angehörigen oder Initiativen verlegt. Die Recherche ist aufwändig, denn es ist nötig nicht nur das Leben der Person zu recherchieren, sondern auch eventuelle Nachfahren oder Verwandte zu finden. Sie sollen einer Verlegung zustimmen können. Der deutsche Datenschutz im sogenannten Personenstandsrecht setzt hier sehr enge Grenzen. In Dresden ist der Stolpersteine-Dresden e.V. für die Organisation der Verlegungen zuständig.

Erste Verlegung am 7. Mai in Lockwitz

Trotzdem gelang es dem Heimatverein bereits für sechs Personen Verwandte zu finden. Fünf gaben ihr Einverständnis. Die ersten beiden Stolpersteine sollen nun am 7. Mai 2026 in Lockwitz auf den Fußwegen vor den letzten Wohnadressen verlegt werden. Auf der Hermann-Conradi-Straße 9 um 14:15 Uhr für den Dirigenten und Komponisten Dr. Rudolf Ochs und um 13:45 Uhr im Lockwitzgrund 9 für den Kaufmann Berthold Heim. Dies sind ihre Lebensgeschichten.

Dr. Rudolf Ochs

Rudolf Ochs wurde am 17. Januar 1887 in Frankfurt am Main als Sohn von Richard Ochs (1860 – 1921) und Cathinka Christina Schlenker (1863 – 1933) geboren. Er wurde am 15. Juli 1892 in Frankfurt am Main evangelisch-lutherisch getauft. Seine Großeltern väterlicherseits waren jüdischer Religion. Er wuchs gemeinsam mit seinen jüngeren Geschwistern Eva und Wilhelm auf.

Wilhelm, Eva und Rudolf Ochs (v.l.n.r)

Rudolf war der Neffe des Komponisten Siegfried Ochs (1858 – 1929), der den Philharmonischen Chor in Berlin leitete. Er studierte deshalb auch Musik am Königliches Konservatorium der Musik zu Leipzig (1912/13). Danach studierte er in Jena und promovierte als Philosoph. Er war von Beruf aber Chemiker und hat dazu auch veröffentlicht. Schlussendlich wurde er Berufsmusiker wie sein Onkel Siegfried.

1929 gründete Rudolph Ochs in Dresden den Chor „Wach auf“ und fungierte als dessen Dirigent, nachdem er in der Dirigierklasse von Prof. Paul Büttner am Dresdner Konservatorium studiert hatte. Auch war er 1929 zweiter Dirigent der „Dreyssigschen Singakademie Dresden„. Um 1930 wurde Rudolf Ochs Kapellmeister der Deutschen Oper in Brüx, heute Most in Tschechien. Sein Stück „Schnitter Tod“ für gemischten Chor, Knabenchor, Blechbläser und Schlagzeug, gewann 1930 den Preußischen Staatspreis.

Berufsverbot wegen jüdischer Großeltern

Am 12. September 1931 heiratete er das zweite Mal in Dresden die aus Frankfurt am Main stammende Chemikerin Hanna Harth (1904-1955 Frankfurt a.M.). Sie war ebenfalls evangelisch getauft. Beide hatten keine Kinder. 1933 zogen die beiden endgültig nach Dresden und wohnte bis 1937 auf der Hepkestraße 53. Nach der Machtergreifung der Nazis erhielt Rudolf Ochs wegen seiner jüdischen Vorfahren 1935 Berufsverbot und wurde aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. Zwar wiedersetzte sich sein Chor“ Wachauf“ und dessen Vereinsvorsitzender Adolf Bittner dem Berufverbot. Aber von den wenigen Auftritten leben konnte Ochs nicht. 1938 zogen Hanna und er auf die Herman-Conradi-Straße 9.

In den Jahren 1944/45 war Rudolf Ochs jeweils mehrere Monate kriegsdienstverpflichtet. Doch er zog es vor zu fliehen. In einem Bericht im Amtsblatt der Stadt Bad-Schandau vom Januar 2019 berichtete Regine Zimmermann, dass Rudolf Ochs von Paul Hartig, dem Kantor von Bad Schandau, vor der faschistischen Verfolgung in seiner Wohnung versteckt wurde. Er half auch bei der Flucht in die Tschechoslowakei. Ochs überlebte und starb am am 6. Mai 1951 in Ziegelhausen bei Heidelberg. Eine Anstellung am staatlichen Konservatorium in Dresden hatte er vorher abgelehnt.

Sein Bruder Wilhelm Ochs ist auch für die Dresdner Architekturgeschichte nach dem zweiten Weltkrieg eine wichtige Persönlichkeit. Er baute unter anderem den Barkhausenbau und den Drude-Bau an der TU Dresden.

Berthold Heim

Berthold Heim wurde am 25. Juli 1881 in Mogilno bei Bromberg in Posen geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Heimann Heim (1837-1910) und Johanne Fuchs (1850-1925). Beide waren jüdischer Religion. Er war das fünfte von acht Kindern.

Berthold Heim schloss eine Kaufmannslehre ab und spezialisierte sich auf Stoffe. Am 28. Januar 1912 heiratet er in Thorn, heute Thorun in Polen, Fanny Heilborn aus Kempen, heute Kepno. Am 26. Oktober 1912 wurde in Thorn die Tochter Gerda und am 28. Dezember 1915 der Sohn Siegfried geboren. Fanny Heim, starb bereits 1916 in Thorn. Berthold Heim zog darauf mit den Kindern nach Dresden.

Am 11. April 1921 heiratet Berthold Heim in Dresden die Lockwitzerin Gertrud Magdalena Zimmermann (*11. Dezember 1890 Lockwitz; + 26. Februar 1944 Dresden). Im Bild rechts. Kinder sind keine bekannt. Bis etwa 1928 betrieb Heim eine Stoff-, Strick- und Schuhwarenhandlung auf der Waisenhausstraße 32. Von 1926 bis 1932 wohnte die Familie auf der Pirnaischen Straße 57.

Überfall nach der Reichsprogromnacht 1938

Seit etwa 1920 gehörte Berthold Heim auch das Lokal „Waldrose“ in Oberrödern bei Radeburg. Es wurde von seiner Frau Gertrud und der Tochter Gerda geführt. Der Sohn Siegfried hatte Drogist gelernt und wohnte später in Thüringen. Eventuell wohnte auch Heim ab 1932 in Oberrödern. Das Lokal wurde am 10. November 1938 nach der Reichsprogromnacht von Nazi-Trupps gestürmt und zerstört. Daraufhin zog Berthold mit seiner Frau nach Lockwitz zum Onkel seiner Frau, Johannes Zimmermann, der Blumenhändler war. Die Adresse warLockwitzgrund 9. Ein Geschäft konnte er da wegen der Repressionen gegen die Juden schon nicht mehr führen. Am 18. Januar 1939 musste er den Zweitnamen Israel annehmen.

Anschließend wurde er gezwungen in ein Judenhaus Strehlener Straße 52 und Zeughausstraße 1 zu ziehen. Als seine Frau Gertrud am 26. Februar1944 an Brustkrebs starb, musste er bereits seinen Deportationsbefehl wegen seiner jüdischen Herkunft erhalten haben. Offenbar bekam er noch einen Aufschub, um seine Frau beerdigen zu können, bevor er als Einzelreisender die Fahrt nach Theresienstadt antrat und dort am 8. März 1944 eintraf.

Im Ghetto Theresienstadt leistete er Zwangsarbeit und hinterließ an der dortigen Poterne eine bis heute erhaltene Inschrift. Am 12. Oktober 1944 wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz mit der Häftlingsnummer 1492 deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war er 63 Jahre alt. Es ist deshalb anzunehmen, dass er sofort vergast und getötet wurde. Er kam nie zurück. Seinen Kindern Gerda und Siegfried gelang 1939 über Südamerika die Flucht in die USA.

Die Betreuung beider Stolpersteine, die sogenannte Putzpatenschaft übernehmen die Schülerinnen und Schüler der SRH-Oberschule Dresden in Lockwitz. Die Spende für die Verlegungskosten wurde vom SRH Berufsbildungswerk Dresden GmbH aufgebracht.

Bilder: Privatarchiv Andreas Ochs und Susan Hogan, Wikimedia/Paulae

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