Die Chronik von Lockwitz reicht weit zurück und ist von Landwirtschaft und Handwerk und von bedeutenden Persönlichkeiten geprägt. Ein kurzer Abriss über die Geschichte von Lockwitz als Stadtteil Dresdens im Wandel der Zeiten.
Erste Befunde über eine Besiedlung des Lockwitztales reichen weit zurück. Funde aus der Stein-Bronze und Sorbenzeit fanden sich früher im Heimatmuseum des Ortes, das in dem prägenden Gebäude des Ortes untergebracht war: im Lockwitzer Schloss mit nebenstehender Kirche. Die erste urkundlich Erwähnung geht auf eine Urkunde von 1288 zurück in welcher der Meißner Domherr Conrad von Boruz viele Dörfer der Region dem Meißner Hospital übereignet. Darunter auch das Dorf Lucawicz, was übersetzt aus dem Sorbischen Wiesendorf bedeutet und das heutige Lockwitz ist und der Ort Nicur, der heute Nickern heißt. Damit sind beide Orte über 735 Jahre alt. Häuser stehen aus der Zeit aber nicht mehr.
Zwei Dorfkerne prägen Lockwitz Geschichte
Die Besiedlung des Dorfes ging wohl von zwei Dorfkernen aus, dem Oberdorf um den damaligen Jacobsplatz, heute am Galgenberg und dem Niederdorf am Plan. Beide getrennt durch die Lockwitz, die damals wohl noch deutlich mehr Wasser führte als heute, denn an ihrem Lauf lagen im 20. Jahrhundert auf Lockwitzer Flur vier Mühlen mit 14 Mahlgängen. Von diesen Ortskernen entwickelten sich weitere Ansiedlungen, wie Altlockwitz an der Straße nach Niedersedlitz, die auch die alte Handelsstraße Dresden-Dohna-Böhmen quert, die heutige Dohnaer Straße.
Diese beiden Ortskerne wurden bis ins 17. Jahrhundert getrennt voneinander bewirtschaftet. Dem Rittergut Oberlockwitz gehörten noch die Dörfer Nickern, Kleinluga, halb Leuben und Rippien. Zum Rittergut Niederlockwitz gehörten Kauscha, Gaustritz, Nöthnitz, Rosentitz, Teile von Niedersedlitz und Zschachwitz. Beide Rittergüter hatten die niedere und obere Gerichtsbarkeit. Straßennamen wie „Am Galgenberg“ weisen heute noch darauf hin. Dort an der Ecke Nickerner Straße befand sich bis in 18. Jahrhundert tatsächlich ein Richtplatz und ein Galgen. Der für das Niederdorf befand sich am Gückelsberg, wo am 10. September 1772 der Dieb und Mörder Johann Christoph Ebelt gerädert wurde.

Noch heute ist diese Trennung in Ortsnamen sichtbar. So in Bezeichnungen wie Unterer, früher Niederer Gasthof oder Obermühle, früher am Sportplatz gelegen und die Niedermühle die an der gleichnamigen Straße liegt. Erst 1620 wurde diese Teilung aufgegeben, als Hofmarschall Johann Georg von Osterhausen beide Rittergüter kaufte und vereinigte. Kirchlich gehörte Lockwitz da noch zu Leubnitz. Wohl auch wegen der Rittergutsfamilie von Alnpeck, der die Rittergüter vorher gehört hatten und deren Epitaphe heute noch in der Leubnitzer Kirche zu bewundern sind.
Kirchen- und Schulgründung 1623
Für den Hofmarschall war das aber zu weit weg. So drängte er auf eine eigene Kirche und eine Auspfarrung von Lockwitz und Nickern aus Leubnitz. 1623 erhielt er seinen Willen. Wohl auch weil er als Hofmarschall in exzellenter Stellung war. In diesem Amt regelte er den Zugang zum sächsischen König und damit zum höchsten Privileg, was man erreichen konnte. Erster Pfarrer wurde der aus Böhmen stammende Pfarrer Gabriel Ursinius, der vor der Gegenreformation geflohen war. Mit einer eigenen Kirche musste aber auch eine eigene Schule errichtet werden. Deshalb fällt auch die Gründung der Lockwitzer Schule in das Jahr 1623. Osterhausen gab dafür eine Stiftung von 3.000 Gulden. Die erste Schule wurde am Plan errichtet. Erster Lehrer war Martin Siderius und später dessen Sohn Gabriel der vorher Lehrer in Burkhardswalde gewesen war.

Die Kirche war zu dem Zeitpunkt eine alte katholische kleine Kapelle mit dem Kirchturm auf der schloßabgewandten Seite. Diese war bei weitem nicht ausreichend für die wachsende Gemeinde. Deshalb kam es 1699 zu einem Neubau. Auch hier spielte der damalige Rittergutsbesitzer Gotthelf Friedrich von Schönberg eine treibende Rolle und unterstützte den Bau finanziell. Das neue Gotteshaus, dessen Kirchturm direkt an das Schloss grenzt und auch ein direkten Zugang von dort ermöglichte, wurde 1702 von Pfarrer Christian Gerber geweiht.
Brot- und Mehlhandel prägten den Ort
Wirtschaftlich waren die Geschichte Lockwitz und Nickerns von Landwirtschaft geprägt. Vor allem Brotgetreide wurde auf den umliegenden Feldern angebaut. Diese Spezialisierung geht auf einen Vorfall im Jahr 1522 zurück. Damals wütete die Pest vor den Toren von Dresden. Die Stadtväter beschlossen die Tore zu schließen, was aber die Versorgung der Stadt mit Lebensmittel empfindlich einschränkte. Die Lockwitzer und Nickerner Bürger versorgten die Stadt Dresden mit Brot und sollen die Laibe über die Stadtmauer geworfen haben. Dadurch erhielten die Lockwitzer und Nickerner Bäcker von dem damaligen Herrscher Hans Georg dem Bärtigen (1471-1539) das Privileg Brot und Mehl nach Dresden handeln und verkaufen zu dürfen. Die Bäcker hatten sogar einen festen Stand in der Altstadt bis ins 19. Jahrhundert.

Um das Privileg abzusichern, erhielten die Lockwitzer Bäcker 26 und die Nickerner Bäcker vier Freizeichen, die als Symbol für diesen Freihandel galten und von der Gerichtsbarkeit, also den Rittergutsbesitzern vergeben wurden. Für 30 bis 80 Taler konnte diese Privileg erworben. Die Rittergutsbesitzer erhielten dafür 1,25 Taler Zinsen pro Jahr. So berichtet es Albert Schiffner im Handbuch der Geographie, Statistik und Topographie des Königreichs Sachsen von 1840.
Weltweiter Handel
So ist auch der Mühlenreichtum des Ortes zu erklären. Und auch ein weiterer Wirtschaftszweig der Städte wie Dohna, Kreischa und Lockwitz prägte: die Strohhutindustrie. Christian Gottlob Gerber, der Sohn von Christian Gerber und Nachfolger im Pfarramt beschreibt in seiner Chronik, dass diese Tätigkeit besonders in den arbeitsarmen Wintermonaten vielen Familien ein zusätzliches Einkommen sicherte. Einzelne Händler, wie beispielsweise Christian Hänichen der 1758 das Haus am Gückelsberg 4 kauft und ausbaut, verkaufen Strohhüte in die ganze Welt und sind sogar auf der Leipziger Messe präsent. Letzter Strohwarenfabrikant und Händler ist dessen Enkel August Ferdinand Hänichen, der 1901 in Lockwitz verstirbt und den Spitzenamen „Kappenhänichen“ trug.
Lockwitz Geschichte: Bekannte Unternehmen
Mit dem 20. Jahrhundert setzt auch in Lockwitz die Industrialisierung ein. 1906 wird die elektrische Straßenbahn zwischen Niedersedlitz, Lockwitz und Kreischa, die Lockwitztalbahn gebaut. Dabei hatte Lockwitz sogar vorher die Chance auf einen echten Eisenbahnanschluss. Als 1845 die Böhmische Eisenbahn nach Pirna gebaut werden sollte, sträubten sich die Lockwitzer Bauern allerdings nach Gerhard Müller, ihren Boden zu veräußern. Deshalb wurde die Bahnlinie durch die Niedersedlitzer Flur gelegt. Ort entstanden dann auch viele Fabriken und schafften so auch Beschäftigungsmöglichkeiten für die Lockwitzer Bevölkerung. 1906 verlegt der Unternehmer Emil Donath seine Produktion haltbarer Gemüse- und Obstsäfte nach Lockwitz. Die Kelterei Donath, später VEB Kelterei Lockwitzgrund wird bis 1994 der größte Arbeitgeber in Lockwitz sein.

Ebenfalls bekannt ist die Schokoladenfabrik Rüger, die allerdings auf Sobrigauer Flur liegt, sich aber immer mit dem Standort Lockwitzgrund bezeichnete. Der „Rüger-Hansi“ ist eines der frühen und prägendsten Werbegesichter des 20. Jahrhunderts. Gründer und Kommerzienrat Otto Rüger (1831-1905) gilt in der Zeit als einer der erfolgreichsten Industriellen Sachsens. Er kauft 1858 die Lohbecksche Kakao-Mühle und errichtete dort 1860 sein Schokoladenimperium das weltweit zu Sachsen Aushängeschild wird. Rügers Grab befindet sich auf dem Leubnitzer Friedhof
Durch die Industrialisierung im 20. Jahrhundert entstanden fortwährend neue Siedlungen. Laut dem Heimatforscher und Volksschullehrer Gerhard Müller entstand 1913/14 die Häuser an der Sorbenwarte und hinter der Schule an der Urnen-, Theile- und Gerberstraße. 1928 entstand die Kriegersiedlung die ab 1933 Richtung Pläner stark erweitert wurde. 1933 kam die Sternsiedlung dazu. Genannt nach dem sternförmigen Aufbau der Häuser an der heutigen Welzelstraße und Urnenstraße. 1934 kam die Mühlenkolonie an der Hänichenmühle an der Herman Conradi-Straße dazu.
Der erste Weltkrieg brachte unheimliche Verluste für die Lockwitzer Bevölkerung. 123 Männer finden sich auf der Liste der Gefallenen, die im Pfarrarchiv zu finden ist. Ausdruck dessen war ein Denkmal, dass am 28. Mai 1922 zu Ehren der Gefallenen auf dem Lockwitzer Friedhof errichtet wurde.

Eingemeindung nach Dresden
1928 schloss sich die Gemeinde Nickern mit Lockwitz zusammen. Am 1. Januar 1930 endet die eigenständige Geschichte Lockwitz, denn der Ort wurde ein Stadtteil von Dresden. Verbunden war das mit einigem Fortschritt. Den Anschluss an den Busverkehr in die Stadt Dresden, an das öffentliche Abwassernetz, weitere Elektrifizierung und die Zusicherung die Lockwitzer Schule weiter auszubauen.
Bereits 1889 hatte der aus Schlesien stammende Paul Welzel die Druckerei seines ehemaligen Arbeitgebers Wilhelm Wiegand übernommen. Der geschäftstüchtige Welzel baute daraus einen Verlag und eine Zeitungs- und Buchdruckerei auf. Der Lockwitzer Lokalanzeiger erschien erstmals 1889 und erreichte sofort 200 Abonnenten.
Mit der Zeit des Nationalsozialismus brach auch in Lockwitz eine neue Zeit an. Viele Vereine wurden geschlossen, die bis dahin das Leben geprägt hatten. Die vorher eher sozialdemokratisch liberale Bevölkerung wandte sich, angetrieben auch von den wirtschaftlichen Fortschritten, dem Rückgang der vorher grassierenden Arbeitslosigkeit und der täglichen Propaganda dem Nationalsozialismus zu. Ein Statistik die dem Heimatverein aus dem Jahr 1941vorliegt, weißt allein in Lockwitz über 20 Prozent der Einwohner aus, die Mitglied der NSDAP wurden. Doch der zweite Weltkrieg erreichte auch bald Lockwitz. Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann ließ im Lagerkeller der Kelterei Lockwitzgrund unter der Sorbenwarte eine Notfallzentrale der Gauleitung errichten, die nach dem verheerenden Bombenangriff am 13. und 14. Februar 1945 auf Dresden in Betrieb genommen wurde. Auch In Nickern und Lockwitz gab es Opfer von Bombenangriffen.
Stunde Null nach 1945
Mit der Stunde Null, dem 8. Mai 1945 rückten die Sowjetarmee in Sachsen und auch in Lockwitz ein. Schloss, Schule, Kelterei, viele Lockwitzer Häuser mussten geräumt und für die Unterbringung der russischen Truppen zur Verfügung stehen. Ein antifaschistisches Komitee unter Führung des Kommunisten Herbert Knoderer, der während der Nazizeit im KZ Hohenstein gefoltert worden war, übernahm den Neuaufbau. Die Familie Kap-Herr, die letzten Rittergutsbesitzer wurden im Oktober 1945 nach Rügen deportiert, enteignet und flohen später in den Westen. Dabei waren sie nicht einmal Mitglied der NSDAP gewesen und hatten keinerlei Sympathie mit dem Nazi-Regime gezeigt. Das Lockwitzer Heimatmuseum war geplündert worden. Reste kamen später in die Schule oder wurden von Gerhard Müller privat verwahrt und später an die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek gegeben.
Viele Flüchtlinge kamen nach Lockwitz und wurden im ehemaligen Kriegsgefangenenlager gegenüber der Kelterei und im Schloss untergebracht. Mit der Bodenreform erhielten auch Flüchtlinge Land. 23 Bauern traten dann am 26. September 1952 mit 150 Hektar Bodenfläche der ersten landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft im Dresdner Stadtgebiet bei. Sie hätten ihre kleinen Flächen auch sonst kaum wirtschaftlich nutzen können. Die Schweinemästerei Lockwitz oder das Rittergut Nickern waren vorher „Parteigüter“ gewesen und wurden wohl ebenfalls eingebracht.
Schule mit neuer Tradition
Auch der Schulbetrieb war von vielen Veränderungen geprägt. Viele neue Lehrer lösten die durch die Mitgliedschaft in der NSDAP belastete Lehrerschaft ab. Die 79. Volkschule wurde 1959 zu 79. Polytechnischen Oberschule (POS). 1981 bekam sie den Namen des Widerstandskämpfers und Karl Winter (1897-1971). Erst 1981 baute die Stadt Dresden den bei der Eingemeindung versprochenen Schulanbau. 1988 hatte die Schule 640 Schülerinnen und Schüler, die von 43 Lehrern unterrichtet wurden. Zwanzig Jahre später, 2008, wurde die Schule geschlossen, weil es immer weniger Schüler gab und der Freistaat Sachsen sparen musste. Mittlerweile befindet sich am Standort Urnenstraße eine moderne Oberschule und ein Berufliches Gymnasium, dass vom privaten Bildungswerk Sachsen betrieben wird.

Lockwitztalbahn – Ein Ausflug zu einer alten BekanntenEin echter Einschnitt war die Schließung der Lockwitzer Straßenbahnlinie 31 im Jahr 1977. Sie wurde durch eine Busverbindung ersetzt. Die Schließung wurde durch stummen und lauten Protest begleitet. So trugen die Lockwitzer und Kreischaer Bürger auf ihren letzten Fahrten mit der liebgewonnenen „Affenschaukel“ oder „Funkenkutsche“ schwarze Trauerkleidung. Bäckermeister Christian Gehre hisste eine schwarze Flagge über seiner Bäckerei, musste die aber auf Intervention der Stasi wieder abnehmen, wie er auf einer Veranstaltung des 2012 wieder gegründeten Heimatvereins Lockwitz berichtete. Ein Triebwagen steht in Kreischa und soll wieder restauriert werden. Die anderen Wagen fahren heute als Traditionbahn durch das Kirnitzschtal.
Politische Wende verändert Gesicht des Ortes
Mit der politischen Wende 1990 setzte eine starke Transformation ein. Immer mehr Einzelhandelsgeschäfte verschwanden. Die Lockwitzer Kelterei schloss 1994 wegen zu geringer Investitionen und dem Wegbrechen ihres Absatzmarktes. Auch die Gasthöfe die Lockwitz über Jahrhunderte geprägt hatten, schlossen oder waren, wie der Obere Gasthof in den 1960er bereits abgerissen worden. Neue Firmen wie die Apogepha übernahmen 1996 das Firmengelände der Druckerei Schreiter die nach 1945 die Druckerei Welzel übernommen hatte und produzierten dort Arzneimittel. Aber auch die Apogepha ist mittlerweile wieder Geschichte. Am 31.12.2018 wurde der Produktionsstandort geschlossen, nachdem ein Verkauf scheiterte. 49 Angestellte wurden entlassen.
So ist Lockwitz heute nicht mehr von Landwirtschaft und weniger stark von Gewerbe geprägt, sondern eher als Wohnort an der Südspitze Dresdens ein gefragter ruhiger Stadtteil. Daran konnte auch der Bau der Autobahn A17 wenig ändern, gegen die es größere Befürchtungen wegen Lärmbelästigung gab. Durch den Bau beruhigte sich aber auch der Verkehr auf der Dohnaer Straße. Das Lockwitzer Schloss ist heute ebenfalls Wohnquartier geworden. Der Schloßpark nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Kirche wurde 2018 saniert und steht in altem Glanz mit dem Wappen der Familie von Schönberg über dem Eingang. Von den Mühlen ist heute keine Einzige mehr in Betrieb. Allerdings hat der Besitzer der Obermühle Paul Blischke im Jahr 1913 mit der Stiftung der Lockwitzer Wettersäule dem Ort sein Wahrzeichen gegeben: den Lockwitzer Frosch. Gestaltet wurde die Säule von dem Architekturprofessor Jean Pape.
Bilder: Archiv, Heimatverein Lockwitz e.V.

